Buchtipp: Unschuld von Jonathan Franzen » Blattsinn.com

Buchtipp: Unschuld von Jonathan Franzen

Ein sprachmächtiger Roman über jugendlichen Idealismus, Treue und Schuld in den verschiedensten Formen, alles eingepackt in eine überaus spannende Geschichte

Inhaltsangabe

Das junge Mädchen Pip ist alleine bei ihrer Mutter in einer Hütte in Kalifornien aufgewachsen. Sie hat 130000 Dollar College-Schulden, wohnt in einer heruntergekommen WG und hält sich mit einem miesen Job im Telefonmarketingbereich über Wasser. Sie hat keine Ahnung, wer ihr Vater ist und weiß noch nicht einmal, wo und wann sie genau geboren wurde. Ihre Mutter, eine abtrünnige Milliarden-Erbin, ist voller Geheimnisse. Pip macht sich auf, ihren Vater zu suchen. In der Parallelgeschichte taucht Andreas Wolf auf, der entfernt mit dem DDR-Superspion Markus Wolf verwandt ist. Er hat sich nach einem Leben auf der Überholspur in Bolivien nieder gelassen. Er hatte hochrangige Informationen verkauft und war dadurch berühmt und reich geworden. Er liebt junge oder sogar sehr junge Frauen, am liebsten sind ihm eigentlich kleine Mädchen. Inzwischen steht er weltweit auf der Most-Wanted-Liste, aber in Bolivien konnte er untertauchen. Hier will er in einem Campus eine Art neue Welt mit einem Super-Internet errichten. Er umgibt sich dort nur mit jungen, naiven Frauen. Eines Tages taucht Pip auf, die bei ihrer Suche nach dem Vater in Bolivien gelandet ist. Der Roman handelt von nun an um das Spiel zwischen Andreas Wolf und der unschuldigen Pip. Aber es tauchen noch andere geheimnisvollen Figuren auf, u.a. Tom, der Ex von Pips Mutter, der irgendwie mit Andreas Wolf verbandelt ist und eine schwierige Vergangenheit hat. Er hatte einst seine Frau verlassen, weil sie Kinder wollte und liebte dann eine Frau, die selbst schon mit einem an den Rollstuhl gefesselten Mann eine Beziehung hatte. Tom und Andreas Wolf unterhalten eine schwer durchschaubare Beziehung, die auf einem gemeinsamen düsteren Geheimnis aufgebaut ist. Immer wieder tun sich Abgründe des menschlichen Charakters auf, und die Frage, wer nun eigentlich Pips Vater ist, rückt zeitweise in den Hintergrund, wird am Ende aber beantwortet.

Faszinierender Roman

„Unschuld“ von Jonathan Franzen ist ein großartig aufgebauter Gesellschaftsroman, der von Anfang bis zum Ende fesselt. Typisch Jonathan Franzen ist die Sprache gewaltig, allumfassend und einfach nur großartig. Falls Sie ein treuer Leser von Jonathan Franzen sind, müssen Sie dieses Buch unbedingt lesen, es wird sie in seinen Bann ziehen. Es gibt mehrere Erzählstränge, große Teile der Geschichte werden in der Retroperspektive erzählt. Man ist also über weite Strecken des Romans im Rückblick-Modus. Die aktuelle Geschichte – Pips Suche nach ihrem Vater und das Wahnsinnsprojekt des Deutschen in Bolivien – rücken deshalb manchmal in den Hintergrund. Aber Vergangenheit und Gegenwart verschmelzen im Laufe des Buchs immer mehr, alle Erzählstränge laufen zusammen und werden am Ende zu einem. Die Protagonisten sind wunderbar heraus gearbeitet, und obwohl die einzelnen Figuren teilweise recht überspitzt dargestellt werden, wirken sie überzeugend. Pip ist überzeugend naiv, und ihre Mutter ist glaubhaft exzentrisch. Andreas Wolf ist in sich selbst verliebt und Tom ist „strange“. In den Mittelpunkt der Geschichte rückt auch das Super-Internet-Projekt von Andreas Wolf. Fragen wie NSA, CIA und die Macht des Netzes werden von den verschiedensten Seiten belichtet. Das Buch hat außerdem stellenweise einen stark erotischen, sado-masochistischen Unterton. Außerdem ist es ausgesprochen spannend, da es u.a. auch um einen nie geklärten Mord geht, der nun plötzlich – viele Jahre später – sehr bedeutungsvoll wird. Bereiche wie die Überwachung durch die SED werden genauso detailliert geschildert, wie der moderne und fast grenzenlose Internet-Journalismus mit all seiner Macht und all seinen Schattenseiten. Die Geschichte ist so vielschichtig, dass Sie sich als Leser während der Lektüre vielleicht fragen werden, ob es hier überhaupt ein logisches Ende geben kann. Es ist zeitweise schwer vorstellbar, aber der Kreis schließt sich am Ende wirklich!

Fazit:

„Unschuld“ ist ein hervorragender Gesellschaftsroman mit politischen und erotischen Einschlägen, der durchaus auch wie ein Krimi gelesen werden kann. Das Buch ist spannend und wunderbar geschrieben. Die Erzählweise ist packend und lässt den Leser nicht mehr los. Alle Protagonisten sind voll ausgeleuchtet und wunderbar beschrieben. Franzen hat zum ersten Mal einige längere, erotische Phasen in seine Geschichte miteinfließen lassen und aus Wolf einen Mann gemacht, der die Dominanz liebt und auskostet. Ob man das mag oder nicht, ist Geschmackssache. Unbestritten ist das Buch jedoch ein sprachliches Meisterwerk, das sehr viele Facetten der Zeitgeschichte vereint und beleuchtet.

Amazon >>